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Rezession

Wenn das Konjunkturbarometer nicht mehr steigt, sondern fällt und fällt und fällt, wenn sein Sonnenmännlein sich beschämt ins Wetterhäuschen zurückzieht und das Regenmännlein sich daraus hervorwagt, sprechen wir von einer "Rezession", wörtlich: einem "Zurückweichen", einem "Rückgang". Was da "zurückgeht", ist allerdings noch nicht einmal das reale Bruttosozialprodukt selbst - das wäre in der Terminologie der Wirtschaftswissenschaft bereits die "Depression" -, sondern lediglich seine Wachstumsrate: Ein wenig weniger Fortschritt gilt da schon als "Rückschritt".

Wie diesem "Rückgang" und diesem "Rückschritt" im Deutschen der "Fortgang" und der "Fortschritt" gegenübersteht, so der "Rezession" in unserem Fremdwortschatz die "Prozession" - für die Sprache ist es von der Börse bis zur Kirche kein grosser Sprung. Die beiden "-zessionen" sind lateinischen Ursprungs: Ihr Rumpfstück "-zess-" geht zurück auf das Verb cedere, "weichen, gehen"; die Kopfstücke re- und pro- bedeuten "zurück-" beziehungsweise "hervor-"; das Schwanzstück -tio oder -sio bezeichnet eine Handlung. Die recessio, "das Zurückgehen", und die processio, "das Hervorgehen", sind im klassischen Latein noch seltene Vögel. Die recessio begegnet vereinzelt bei dem Architekten Vitruv mit Bezug auf wechselnde Windrichtungen und später bei den Kirchenvätern; die processio bezeichnet besonders das "Ausrücken" eines Heeres aus dem Lager oder das "Hervortreten" eines Kaisers samt Gefolge aus seinem Palast: Die "Prozessionen" des römischen Klerus konnten sich sprachlich glatt an die processiones der römischen Kaiser anschliessen.

Geläufiger als die processio war im Lateinischen der mit dem entsprechenden Schwanzstück -tus oder -sus gebildete processus mit dem Genitiv processus, "das Vorrücken, das Fortschreiten". Daher kommt der natürliche oder technische, politische oder wirtschaftliche, geistige oder künstlerische oder jedweder andere "Prozess", den wir mit einem anderen, neuzeitlichen Bild auch als "Entwicklung" ansprechen, und im Besonderen der prägnant so benannte gerichtliche "Prozess".

Greifen wir aus der bunten "Prozession" dieser "Rückgänge" und "Fortschritte", "Vorgänge" und "Rückschritte" noch den einen oder anderen heraus: Die "Konzession", das "Zugeständnis", das ein Vertragspartner einem anderen macht, ist eigentlich ein "Aus-dem Wege-Gehen", so auch die amtliche "Konzession", die "Betriebserlaubnis", die eine Behörde einem Betreiber erteilt. Die "Sezession", eigentlich das "Beiseitetreten", hat den amerikanischen "Sezessionskriegen" zwischen Nord- und Südstaaten und der einen oder anderen "Sezession" grollend beiseitegetretener Künstler den Namen gegeben. In der Astronomie spricht man von der "Präzession", dem "Vorrücken", der Tagundnachtgleichen, deren Entdeckung durch Hipparchos von Nikaia im 2. Jahrhundert v. Chr. zu den grossartigsten Leistungen der griechischen Naturwissenschaft zählt (und deren Nicht-Erklärung an dieser Stelle der Leser dem Autor konzedieren möge).

Gleiche Bildung wie der "Prozess" im Lateinischen wie im Fremdwort zeigen der "Abszess", eigentlich der "Abgang" von Eiter aus einer Eiterbeule, dann diese Eiterbeule selbst, und der "Exzess", das "Darüberhinaus-Gehen", in der gebräuchlichen Lehnübersetzung die "Ausschreitung", und hierher gehören schliesslich, nach dem lateinischen successus mit dem Genitiv successus, "Erfolg", der französische und englische succès beziehungsweise success; das lateinische Wort bezeichnet eigentlich das "Nachfolgen" auf den jeweils folgenden Platz oder in den jeweils höheren Rang und so schliesslich das glückliche Erreichen eines Zieles.

Noch ein rotes Schlusslicht: Der in der alten DDR im Volkseigenen Verlag "Volk und Wissen" zuletzt im Jahre 1988 "nach unserer Zeitrechnung" oder im Jahre 2 vor der grossen Wende aufgelegte Band "Latein und Griechisch im deutschen Wortschatz" vermerkt unter cedere, "gehen, weichen", zur "Rezession": "Rückläufige Tendenz in der kapitalistischen Wirtschaft, die die Krise einleitet".

Klaus Bartels

Aus: Klaus Bartels, Trüffelschweine im Kartoffelacker. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2003. Früher erschien: Wie die Murmeltiere murmeln lernten. 77 Wortgeschichten, Verlag Philipp von Zabern, Mainz 2001.

Update: 7.5.2010
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Update: 7.5.2010 © webmaster